Ein Jahr erfolgreiches Versuchsprojekt der BSG Espelkamp
Sport für adipöse Kinder - Nachahmung erwünscht
„Hallo, kommt noch mal hoch. Pause ist erst nach der nächsten Runde!“ Etwas ungewöhnlich, diese Mahnung, besonders in einer Kinder- und Jugendsportgruppe. Der Grund: Hier treiben übergewichtige Kids Sport. Sie sollen Spaß an der Bewegung bekommen und Kondition entwickeln. Seit September 2001 bietet ihnen die BSG Espelkamp diese Möglichkeit.
Zwei Gruppen hat die BSG Espelkamp als Fachverband für Reha-Sport im Angebot. Eine Gruppe rein für übergewichtige Kinder und eine gemischte Gruppe, der auch Kinder mit Down Syndrom angehören. Sie sind häufig übergewichtig und fettleibig, weil ihnen die „Essbremse“ fehlt. Einmal in der Woche treiben sie seit über einem Jahr anderthalb Stunden Sport.
An diesem Übungsnachmittag Mitte September, kurz nach den großen Ferien, läuft der Betrieb erst mal wieder an. Zwei Gruppen sind zusammengelegt. 19 Jugendliche bewegen sich durch die Rundsporthalle. Am Anfang können alle machen, was ihnen besonders Spaß macht. Zum Aufwärmen. Und zur Motivation. Übungsleiter Klaus Grüning ruft dann zu den Übungen: Rückwärts gehen, laufen, hüpfen, seitwärts gehen, Füße nach innen und außen und über kreuz.
„Viele Kinder kommen aus einem Teufelskreis zu uns: übergewichtig, zu wenig Bewegung, noch mehr Übergewicht. Durch diese fehlende Bewegungserfahrung haben viele erhebliche Koordinationsschwierigkeiten. Unsere Aufgabe sehen wir darin, ihnen erst mal wieder Spaß an der Bewegung zu geben und ihren Körper neu zu erfahren. Unter ihresgleichen können sie Sport ohne Diskriminierung erfahren.“
Spaß – dieses Wort fällt häufig. Spaß machen vor allem die Spiele, die ins Programm eingebaut sind. „Gymnastik lieben die meisten nicht so sehr, die streue ich immer so ein“, erklärt Klaus Grüning. „Sechs-Tage-Rennen“ rufen inzwischen die Mädchen und Jungen. Der Übungsleiter stellt die Gruppen zusammen, verteilt Stärken und Schwächen gleichmäßig. Und passt genau auf, dass alles korrekt zugeht. Jetzt geben alle ihr Bestes, rennen mit vollem Einsatz, damit ihre Mannschaft gewinnt. Hinsetzen ist nicht mehr angesagt.
Marco (14) macht seit Anfang an in der Gruppe mit. Für ihn zeigt sich der Erfolg in zwei Zahlen: Seine Note in Sport stieg in dieser Zeit von 4 auf 2. In der Schule spielt er am liebsten Fußball. In der BSG-Gruppe baut er Kondition und Fitness auf. Wie Linda (12) hat er schon vorher im Verein geschwommen. Linda kommt wegen der Spiele gern, ebenso wie Wilhelm (15) und Kristina (17). „Hase und Igel“ scheint bei allen besonders beliebt zu sein. Kristina hat vorher nie Sport getrieben. Sie liebt die Gemeinschaft und will auf jeden Fall weiter mitmachen, auch wenn sie ziemlich weit anreisen muss. In Minden geht sie auf eine Integrationsschule. Der große Einzugsbereich ist ein Problem in diesem ländlich strukturierten Gebiet.
„Von Abnehmen ist bei uns erst mal gar nicht die Rede“, betont Klaus Grüning. „Im Vordergrund steht, dass die Kinder Kondition und Ausdauer bekommen. Das ist oft gar nicht so leicht.“ Aber nur wenige sind in dem Jahr abgesprungen. Klaus Grüning ist seit zehn Jahren Übungsleiter bei der BSG Espelkamp mit besonderer Schulung für Kinder- und Jugendarbeit. Er hat seine Erfahrungen mit asthmakranken und mit Koordinationsdefiziten gesammelt. Sein 20jähriger Helfer kommt aus der Kinder- und Jugendarbeit des Vereins und hat einen besonders guten Draht zur Adipositas-Gruppe. Hilfestellung bekommen sie von Vereinsarzt Dr. Schöpfer und dem Sportpädagogen Dr. Herms. Der Sport wird von Kinderärzten verordnet.
Der Verein bietet Kindern und Eltern mehr als Sport. Jeden vierten Dienstag findet in der Geschäftsstelle der BSG Espelkamp ein Abend mit Vorträgen und Beratung statt. Abwechselnd referieren Ernährungsberater, Psychologe, Sportpädagoge und Kinder- und Jugendarzt. Denn eine Änderung der Lebensweise ist ganz entscheidend für den Erfolg des Programms, in dem Sport ein Baustein ist. Falls gewünscht, ist auch eine Familientherapie durch einen Psychologen möglich.
Die anderthalb Stunden nähern sich ihrem Ende. Alle haben sich Hockeyschläger geschnappt und kicken die Bälle wild durch die Halle. Nächste Woche werden sie wieder antreten. Vielleicht auch zu „Hase und Igel“, wofür die Zeit heute nicht gereicht hat.
Werner Bergtold ist Vorsitzender der BSG Espelkamp. Der Verein besteht seit 42 Jahren und war stets offen für neue Entwicklungen. „Wir haben als VSG schon Anfang der 60er Jahre Frauen aufgenommen und 1968 die erste Kinder- und Jugendgruppe aufgebaut.“ Seit 1981 die erste Gesamtvereinbarung abgeschlossen wurde, bietet der Verein Reha-Sport an. Mit dem Angebot für adipöse Kinder reagiert der Verein auf neue Herausforderungen im Gesundheitssektor. Im September 2001 startete der Verein dieses neue Projekt. Motor war der Kinder- und Vereinsarzt Dr. Helmut Schöpfer, der die Kindergruppe seit 1968 betreut. Inzwischen lautet die Einschätzung: Experiment geglückt. Werner Bergtold: „Ich kann anderen BSGen nur raten, Angebote für diese Kinder zu schaffen.“ Die BSG Espelkamp hat rund 800 Mitglieder. Schwerpunkt ist der Hallen- und Schwimmsport.











