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17.5.2012 : 11:42 : +0200
Ein Leben mit Bewegung

Morbus Parkinson - Ein Leben mit Bewegung

Von Arnd F. Köster

Seit etwa 15 Jahren existieren im Behinderten-Sportverband Nordrhein-Westfalen Parkinsonsportgruppen. Einige der ersten Gruppen entstanden in Schwerte, Bielefeld und Lippstadt. Für viele Betroffene bedeuten diese Gruppen nicht nur sportliche Aktivität, sondern auch Geselligkeit, Austausch und neue Lebensfreude. Zusammen mit den Regionalgruppen der Deutschen Parkinsonvereinigung e. V. bilden sie eine wichtige Anlaufstelle. Rehabilitationssport ist für Parkinsonbetroffene ein wichtiges Mittel, mit der Krankheit umzugehen und ihre unmittelbaren Folgen zu mildern. Dieser Artikel möchte für Rehabilitationssport werben und soll Anstoß geben, zahlreiche weitere Gruppen zu gründen. Um Personen, die mit dem komplexen Krankheitsbild nicht so vertraut sind, das Lesen zu erleichtern, wird den Ausführungen ein Interview mit Prof. Dr. med. Peter Vieregge vorangestellt.

Prof. Dr. med. Vieregge ist Professor für Neurologie an der medizinischen Universität zu Lübeck. Er ist Chefarzt der Klinik für Neurologie des Klinikum Lippe/Lemgo. Die Klinik ist Mitglied im Kompetenznetzwerk Parkinson. Herr Prof. Vieregge ist Herausgeber verschiedener Parkinson-Bücher und Berater zahlreicher wissenschaftlicher Gremien zum Thema Parkinson. Er hat sich sehr intensiv mit Gang- und Gleichgewichtsstörungen bei Morbus Parkinson beschäftigt. Er war medizinischer Schirmherr des 2. bundesweiten Parkinsonsportfest 2003 in Bad Salzuflen.

Im Folgenden werden die 7 gängigsten Fragen zum Krankheitsbild Morbus Parkinson von Prof. Dr. Peter Vieregge beantwortet.

Frage 1: In welchem Alter kann die Krankheit auftreten ?

Prof. Vieregge: Das häufigste Erkrankungsalter liegt zwischen dem 55. und 70. Lebensjahr. Dies heißt aber nicht, dass nicht auch schon 20 – 30-jährige oder aber auch ganz alte Personen von der Krankheit befallen werden können.

Frage 2: Wie häufig tritt sie auf?

Prof. Vieregge: Man rechnet pro Jahr in der deutschen Bevölkerung mit etwa 15 Neuerkrankungen auf 100.000 Einwohner. Die Zahl der vorhandenen Parkinson-Patienten wird auf 200.000 bis 300.000 Personen geschätzt. Bedingt durch die Altersverteilung unserer Bevölkerung ist sie eher im zunehmen. In der Altersgruppe über 70 Jahren soll bis zu ein Patient auf 1000 Einwohner vorhanden sein.

Frage 3: Wie kann man die Krankheit feststellen? Welche Symptome treten auf?

Prof. Vieregge: Die Erkrankung beginnt schleichend und üblicherweise mit einer unmerklichen Bewegungseinschränkung. Diese betrifft zunächst die unwillkürlichen Bewegungen (Gesichtsbewegungen, Handschrift, Schrittlänge). Die Handschrift wird entsprechend kleiner, der als erstes betroffene Arm pendelt beim Gehen nicht mehr mit, die Schritte werden kürzer. Sehr charakteristisch ist ein Zittern in Ruhe, was an den Fingern aussieht wie eine rhythmische Münz-Zählbewegung oder Pillendreh-Bewegung. Dieses Zittern nimmt unter Anspannung zu. Im Frühstadium ist es oft nur vorübergehend vorhanden. Wenn das Krankheitsbild deutlich ist, ist es über beide Körperhälften verteilt, findet sich jedoch immer mit einem gewissen Schwerpunkt auf der einen oder anderen Körperseite. Dieser Schwerpunkt bleibt über die ganze Erkrankungszeit hindurch erhalten. Im Vollbild findet man eine Versteifung von Muskeln (sogenannter „Rigor“), das Zittern tritt mehr hervor. Ganz im Vordergrund steht aber die Bewegungsverlangsamung, d.h. willkürliche und unwillkürliche Bewegungen werden verlangsamt begonnen, verlangsamt durchgeführt und – besonders wichtig – auch verlangsamt beendet. Der Oberkörper ist etwas vorgeneigt, Wendebewegungen beim Gehen werden nicht mehr dynamisch ausgeführt, sondern erfolgen wie abgesetzte Bewegungen einer starren Säule. Das Umdrehen im Bett ist erschwert, auch das Aufstehen aus dem Stuhl kann schwierig werden. Ab dem mittleren Stadium treten Störungen der Gleichgewichtsreflexe dazu, d.h. der Patient kann sich bei Störungen der aufrechten Körperhaltung nicht rechtzeitig genug abfangen und es kommt dann oft zu Stürzen mit erheblichen Verletzungen.

Frage 4: Welche möglichen Ursachen sind bekannt ?

Prof. Vieregge: In etwa 20 % scheint es eine erbliche Ursache zu geben. Für die Mehrzahl der Patienten ist die Ursache jedoch unklar. Man spekuliert über einen kombinierten Einfluss von Vererbungsfaktoren und Umweltfaktoren. Die Forschung ist hier sehr stark im Fluss, so dass weitergehende Ergebnisse in den nächsten Jahren zu erwarten sind. Zur Zeit ist die Forschung intensiv damit beschäftigt, die Methoden der Früherkennung zu verbessern, um möglicherweise vorbeugende Behandlungsstrategien effizient anwenden zu können.

Frage 5: Welche Behandlungsmöglichkeiten gibt es ?

Prof. Vieregge: Bei der Erkrankung liegt grundsätzlich ein Mangel des Nerven-Boten-Stoffes Dopamin vor. Dieser kann über Tabletten und Dragees ersetzt werden und ist der Grundpfeiler der Medikamentenbehandlung. Darüber hinaus gibt es verschiedene Medikamente, welche die Signalwirkung des Dopamins im Gehirn verstärken oder imitieren können. Auch diese Medikamente werden zur Behandlung der Parkinson-Erkrankung eingesetzt. Werden Patienten besonders vom Zittern der Parkinson-Erkrankung belästigt, kann auch eine gezielte Hirnoperation helfen. Ähnliches gilt auch für Patienten, bei denen die Wirkung aller Medikamente nachlässt: Auch hier kann in Einzelfällen eine gezielte Hirnoperation helfen.

Frage 6: Welche Bedeutung hat Bewegung für die Patienten?

Prof. Vieregge: Regelmäßige sportliche Tätigkeit bzw. Krankengymnastik ist ein integraler Bestandteil der Behandlung von Parkinson-Patienten. Japanische Studien weisen darauf hin, dass Parkinson-Patienten, die regelmäßig körperliche Bewegung bzw. Krankengymnastik im Verlauf ihrer Erkrankung geübt haben, im Langzeitverlauf weniger Komplikationen von Seiten der Erkrankung erleiden als Patienten, die sich allein auf die Medikamenten-Therapie verlassen haben. Darüber hinaus hat sportliche Tätigkeit eine für die Patienten wohltuende soziale Komponente. Die Bewegungsbehinderung und eine häufig gleichzeitig auftretende depressive Verstimmung verstärkt die Neigung zum Rückzug. Dieser wird durch sportliche Tätigkeit, vor allen Dingen in Gruppen, entgegengewirkt.

Frage 7: Wann kann man nicht mehr am Rehabilitationssport teilnehmen ?

Prof. Vieregge: Dies ergibt sich im Wesentlichen aus den Symptomen, die oben schon genannt werden. D. h. nicht mehr auszugleichende Gleichgewichtsstörungen dürften der wesentliche Faktor sein, dass Patienten an derartigen Übungen nicht mehr teilnehmen können. Diese Gleichgewichtsstörungen sind nur sehr eingeschränkt vom Parkinson-Patienten trainierbar. Darüber hinaus kommt es in 40 – 50 % der Krankheitsverläufe zu kognitiven Einschränkungen, welche die Teilnahme am selbständigen Leben zunehmend beeinträchtigen. Allgemeine Erfahrung ist, dass Patienten, die mit einem Lebenspartner oder einer ständigen Betreuungsperson zusammen sind, auch in solchen sportlichen Aktivitäten mehr gefordert und gefördert werden, als wenn sie alleine leben.