Machen Sie Ihrer Lunge Beine

von Dr. Oliver Göhl, Christoph von Loeben
Patienten mit Asthma bronchiale, mit einer chronisch obstruktiven Bronchitis mit oder ohne Lungenemphysem (COPD) oder mit einer anderen chronischen Atemwegs- und Lungenerkrankung kennen das: Oft ist der Weg, den sie gehen müssen, zu weit, die Tasche, die sie tragen müssen zu schwer, die Treppe zu hoch, der Anstieg zu steil.
All zu schnell ist man außer Atem, muss stehen bleiben und erst einmal Luft schöpfen. Vieles im tagtäglichen Leben wird anstrengend und oftmals will man nicht zeigen, was man alles nicht mehr kann. So versucht man Anstrengungen zu vermeiden, weicht ihnen aus – und wird immer weniger belastbar.
Es ist eine Teufelsspirale, die zu einem starken Abbau der Leistungsfähigkeit und Belastbarkeit und so Schritt um Schritt ins Abseits führt. Das erleben nicht etwa nur einige wenige Patienten, nein, es sind Tausende, ja Hundertausende in Deutschland, die sich in einer solchen Teufelsspirale gewissermaßen nach unten bewegen.
Schließlich ist heute etwa jeder zehnte Bundesbürger – erkannt oder unerkannt, behandelt oder unbehandelt – an Asthma bronchiale oder COPD erkrankt – eine immens große Zahl.
Lungensport in Gruppen hilft und motiviert
So weit muss es wirklich nicht kommen. Zeigen sich Beschwerden dieser Art – also Atemnot unter Belastung – oder sind sie schon manifest, muss man dagegen angehen – und das geht auch. Lungensport ist eine gute Möglichkeit aktiv zu werden, um aus der eingeschränkten Beweglichkeit und aus der reduzierten Belastbarkeit herauszufinden.
Nun wäre es zweifellos gut und wünschenswert, wenn jeder chronische Atemwegspatient selbst aktiv würde und selbst das Richtige in Angriff nähme: allein und zuhause. Wir wissen doch aber alle, wie schwierig es für viele ist, einen einmal gefassten Entschluss auch wirklich in die Tat umzusetzen und dann auch noch auf Dauer dabei zu bleiben. Deshalb ist es in der Tat einfacher, sich einer Gruppe, einer Lungensportgruppe anzuschließen, die sich regelmäßig trifft, qualifiziert geleitet wird und in der viele Gleichbetroffene und Gleichgesinnte zusammen kommen.
Angemessene Bewegung in einer Gruppe tut nicht nur gut, sondern macht auch Spaß, steigert die Leistungsfähigkeit und das Selbstbewusstsein. Die Erlebnisse und Ergebnisse in solchen Gruppen motiviert jeden Einzelnen, über lange Zeit der Gruppe treu zu bleiben.
Lungensport in Gruppen bringt viel !!!
Neben Spaß und Freude am Gruppenerlebnis stellen die Beteiligten am Lungensport sehr schnell fest, dass Ihnen das regelmäßige Training viel bringt:
- Steigerung der Belastbarkeit und Erhöhung der Leistungsfähigkeit
- Verminderung der Atemnot und Stabilisierung der Erkrankung
- Verbesserung des Allgemeinzustandes und Erhöhung der Lebensqualität
Diese und andere positive Ergebnisse des Lungensports sind inzwischen international anerkannt und durch wissenschaftliche Studien eindeutig belegt.
Dennoch sollte nicht übersehen werden, dass Lungensport nichts mit Leistungssport zu tun hat – niemand wird beim Lungensport überfordert. Bei den Übungsstunden werden
- Atem- und Entspannungstechniken vermittelt,
- Ausdauer trainiert,
- Muskelaufbau gefördert,
- Muskelkraft gestärkt,
- Koordination der Bewegungsabläufe verbessert und
- Dehnungsfähigkeit gefördert.
Alle in der Gruppe durchgeführten Übungen orientieren sich am Alter und am Krankheitsschweregrad der Gruppenmitglieder – wer denkt, dass er gerade mal nicht mithalten kann, setzt einfach mal aus.
Lungensport in Gruppen ist vielfältig gestaltet
Die Inhalte einer Übungsstunde sind abwechslungsreich gestaltet, so dass jedes Treffen vieles und auch viel Neues bietet.
Wissen, Selbstmanagement, Schulung
Die Gruppenmitglieder erfahren u.a., wie sie richtig mit ihren Medikamenten umgehen, wie sie sich im Notfall verhalten und auf was sie achten müssen. Sie lernen ihren „peakflow“ zu deuten und besser mit der Erkrankung umzugehen. Nur ein geschulter Patient kann sich im Notfall selbst helfen.
Gymnastik
Aller Anfang ist schwer: Deshalb werden durch verschiedene gymnastische Übungen die Gelenke auf die Belastung vorbereitet. Die Teilnehmer am Lungensport lernen sich „funktionell“ zu bewegen, sich z.B. „richtig“ hinzusetzen, aufzustehen oder hinzulegen, und zwar nicht nur mit Rücksicht auf das Kreuz, sondern vor allem mit der richtigen „Atemtechnik“.
Koordination
Das Training der Koordination ist nicht nur abwechslungsreich und bringt Spaß, sondern ist auch ganz entscheidend für den sicheren Gang. Außerdem ökonomisiert es die Muskelarbeit, dient der Verletzungs-, Unfall- und Sturzprophylaxe und erhöht die Alltagskompetenz.
Kraft
Durch die Atemwegserkrankungen an sich, aber auch durch die Dekonditionierung treten Veränderungen in der Muskulatur auf. Mit einem geeigneten Krafttraining kann die Muskulatur gekräftigt und aufgebaut, sowie die Gelenke besser stabilisiert werden. Die Selbständigkeit im Alter kann erhalten und der Osteoporose vorgebeugt werden.
Ausdauer
Die Mitglieder der Lungensportgruppe lernen sich richtig einzuschätzen und wieder zu belasten. Sie eignen sich die richtige Atemtechnik an und üben, wie man selbst die längsten Treppen und steile Berge meistert. Durch ein geeignetes Ausdauertraining, das später jeder selbständig durchführen kann, beugt man degenerativen Herz-Kreislauf-Erkrankungen vor und stärkt das Immunsystem.
Beweglichkeit, Atem- und Entspannungstechniken
Durch ein entsprechendes Beweglichkeitstraining lernen die Teilnehmer ihre verkürzte Muskulatur zu dehnen. Sie verschaffen nicht nur ihrem eingeschnürten Brustkorb wieder mehr Raum, sondern betreiben auch eine Haltungsprophylaxe. Die Atem- und Entspannungstechniken helfen den Lungensportgruppen-Mitgliedern, den Atem wahrzunehmen und zur Ruhe zu kommen, gerade in kritischen Situationen eine wichtige Fertigkeit.
Lungensport – wo gibt es Gruppen?
Im Gegensatz zum sogenannten „Herzsport“ gibt es in Deutschland noch kein flächendeckendes Netz von Lungensportgruppen. Deswegen müssen Sie selbst etwas aktiv werden. Folgende Möglichkeiten haben Sie:
Besuchen Sie die Homepage www.lungensport.org und erfahren dort alles über Lungensportgruppen in Ihrer Nähe (Stichwort: Datenbank), wichtige Telefonnummern, „Hilfe zur Selbsthilfe“, Informationen zum Aufbau einer Lungensportgruppe und vieles mehr.
Oder sprechen Sie uns an:
Kontaktbüro der AG Lungensport in Deutschland e.V.
c/o PCM
Wormser Str. 81
55276 Oppenheim
Tel. 0 61 33/20 23
Fax 0 61 33/20 24
E-Mail: lungensport@onlinehome.de Erkundigen Sie sich bei den richtigen Stellen vor Ort: Rufen Sie beim Behindertensportverband Nordrhein Westfalen e.V. an, fragen Sie direkt bei Vereinen nach, kontaktieren Sie das Sportamt etc.
Fragen Sie bei Ihrem Facharzt nach und gewinnen Sie ihn ggf. dafür, in einer Lungensportgruppe mitzuwirken oder eine Gruppe zu gründen.
Lungensport – und was sagt mein Arzt dazu?
Bevor man sich – oft nach jahrelanger Abstinenz – wieder Bewegung, Spiel und angemessenen Aktivitäten zuwendet, sollte man sich vorher z.B. von seinem behandelnden Facharzt untersuchen lassen. Allgemein gelten dabei die nachfolgenden Ein- und Ausschlusskriterien, die dem untersuchenden Facharzt bekannt sein sollten.
Wenn der Arzt dann sein „ok“ gibt, sollte er Ihnen sofort die Teilnahme am Lungensport „verordnen“. Verordnen deshalb, weil einfach der Antrag auf Rehabilitationssport ausgefüllt wird. Besitzt Ihr Arzt dieses Formular nicht, können Sie es auch aus dem Internet auf den Homepages des BSNW und der AG Lungensport downloaden.
Anschließend lassen Sie sich die Teilnahme von Ihrer Krankenkasse genehmigen, ja und dann kann es eigentlich schon losgehen.
Machen Sie Ihrer Lunge Beine!
Autoren & Bilder:
Dr. Oliver Göhl
Herbststr. 29
90513 Zirndorf/Weiherhof
Christoph von Loeben
Wormser Str. 81










