Interview
Interview mit Dr. Schöpfer (Vereinsarzt BSG Espelkamp)
Dr.Helmut Schöpfer ist seit über 20 Jahren Vereinsarzt bei der BSG Espelkamp. Angefangen hat es mit der Koronarsportgruppe, es folgten Gruppen für asthmakranke Kinder – die BSG Espelkamp stellte eine der drei ersten Gruppen in Nordrhein-Westfalen.
BmS: Was war der Auslöser für den Aufbau der Sportgruppen für adipöse Kinder?
Dr. Schöpfer: In meiner Praxis als Kinderarzt sehe ich immer mehr Kinder mit Übergewicht. Und Untersuchungen belegen, dass sich die Zahl der übergewichtigen Kinder alle zehn Jahre verdoppelt. Ein Riesenproblem. Viele von ihnen bleiben erfahrungsgemäß ihr Leben lang fettleibig.
BmS: Wo liegen die Ursachen dieser Entwicklung?
Dr. Schöpfer: In den Veränderungen der Lebensgewohnheiten. Früher wurden bei uns Kindergeburtstage auf Kegelbahnen oder im Schwimmbad „Atoll“ gefeiert – heute bei McDonalds. Die Kinder sitzen zu viel vor dem Fernseher und dem Computer. Die sogenannten Kindernahrungsmittel enthalten zu viel Fett und Zucker. Ursachen gibt es viele. Und die Folgen sind gravierend. Ich kenne schon 13jährige mit Altersdiabetes. Abgesehen von Folgekrankheiten wie Bluthochdruck oder Gelenkerkrankungen.
BmS: Sie sehen im Sport eine gute Möglichkeit, dem entgegen zu steuern. Geht das nicht auch in der Schule?
Dr. Schöpfer: Das ist oft ein Problem. In der Schule werden die Kinder häufig gehänselt, ziehen sich dann ganz zurück. Bei Bundesjugendspielen haben sie keine Chance. Viele lassen sich ein Attest geben, um nicht mehr am Sport teilnehmen zu müssen. Und in „normalen“ Sportvereinen sitzen sie oft auf der Ersatzbank. Also: viel Frust, der oft dann noch durch Süßigkeiten kompensiert wird. Wobei die Schulen natürlich auch wichtige Ansprechpartner für das Problem Adipositas sein müssen, die von unseren Erfahrungen profitieren können.
BmS: Was sind die Vorteile des Sportangebots in der BSG Espelkamp?
Dr. Schöpfer: Da ist zunächst einmal die Erfahrung als Fachverein für Reha-Sport. Und dann: Wir bieten nicht leistungsorientierten Sport, sondern Übungen, die wieder Spaß an der Bewegung bringen. Die den Kindern erst mal wieder eine gewisse Kondition und Selbstvertrauen geben. Und Sport im Verein bringt eben auch Gemeinschaft. Da gibt man nicht so schnell auf. Das ist der Vorteil gegenüber den Kuren. Dort ist Sport auch ein Teil der Therapie. Aber zu Hause fehlen dann das Angebot und die Motivation. Vereinssport ist auf Dauer angelegt.
BmS: Sport ist ein Bestandteil der Therapie. Was gehört noch dazu?
Dr. Schöpfer: Wir streben insgesamt eine Verhaltensänderung an. Und da ist in erster Linie die Ernährung wichtig. Einmal im Monat biete ich eine Elternschulung an, teilweise mit den Kindern. Das ist allerdings ein schwieriges Kapitel. Etwa ein Drittel der Eltern kommt. Denn auch an sie richten sich Anforderungen. Sie können den Kindern nicht gesundes Essen predigen, und Vater sitzt abends vor dem Fernseher und stopft sich die Chips rein. Der Sportpädagoge Dr. Herm aus Bad Oeynhausen macht regelmäßig biometrische Messungen, um die Erfolge zu zeigen. Denn auch das motiviert. Dabei ist unser Hauptziel nicht, dass die Kinder abnehmen, das führt nur zu neuem Frust. Sie sollen ihr Gewicht halten und Spaß an der Bewegung gewinnen.
BmS: Die Adipositas-Gruppen bestehen jetzt über ein Jahr. Wie stellen Sie sich die weitere Entwicklung vor?
Dr. Schöpfer: Mir schweben solche Sachen wie gemeinsame Radtouren und Wanderurlaube vor, um das Gemeinschaftsgefühl zu stärken und neue Zugänge zu finden. Dann finde ich wichtig, dass sich weitere BSGen diesem Thema zuwenden. Ich habe in meiner Praxis einen riesigen Einzugsbereich. Es wäre schön, wenn Nachbarvereine unsere Erfahrungen nutzen und eigene Gruppen aufbauen würden.
BmS: Welches Echo haben Sie bisher erfahren?
Dr. Schöpfer: Die Presse hat ein paar Mal berichtet. Bisher hat leider erst eine Kollegin aus der Region bei mir nachgefragt. Und aus den Schulen kamen nur vereinzelt Nachfragen, obwohl hier eine Kooperation sehr sinnvoll wäre. Die Erfahrung zeigt: Wer früh anfängt, Sport zu treiben, macht das sein Leben lang. Und umgekehrt.
BmS: Wie erklären Sie sich dieses zögerliche Interesse?
Dr. Schöpfer: Adipositas wird häufig nicht als Krankheit empfunden, speziell bei Kindern. Der Leidensdruck bei Asthma oder Neurodermitis ist weitaus größer und damit das Bemühen, etwas dagegen zu tun.











