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Die Sportstunde
Ganzheitliches Training ist entscheidend

Eine Sportstunde für Morbus Parkinsonbetroffene muss sich an den motorischen Störungen bzw. Ausfallerscheinungen, die durch die Krankheit entstehen, orientieren. So sind bei vielen Parkinsonbetroffenen die Gehmotorik, die Mimik und Gestik, die Sprache bzw. das Sprechen oder die Feinmotorik betroffen.
Motorisches Lernen ist die Fähigkeit des Menschen, neue Bewegungsmuster aufzunehmen und bei Bedarf zu reproduzieren. Motorisches Lernen ist ein lebenslanger Prozess der Informationsaufnahme und -verarbeitung, der im Kleinkindalter am höchsten ist und mit steigendem Lebensalters abnimmt. Er dient sowohl der Bewältigung alltäglicher Aufgaben wie z.B. Gehen lernen, Zähne putzen oder Knöpfe knöpfen als auch komplexer sportlicher Tätigkeiten, wie z. B. einem Gingersalto am Hochreck. Dem motorischen Lernen als solches sind keine altersbedingten Grenzen gesetzt, lediglich die altersbedingte Abnahme der motorischen Eigenschaften Kraft, Ausdauer, Schnelligkeit und Beweglichkeit wirkt limitierend.
Die Motorik ist das Mittel des Menschen, sich in seiner Umwelt zurechtzufinden, sich mit ihr auseinander zu setzen und sich und seine Gefühle zum Ausdruck zu bringen. Abhängig von der Persönlichkeit des Menschen und der Art seiner körperlichen Ausbildung ist diese Fähigkeit mehr oder weniger stark entwickelt. Ein Schauspieler wird über ein größeres Bewegungsrepertoire verfügen als ein normaler Bürger. Ein Turner verfügt über ein anderes Bewegungs- und sportliches Handlungsrepertoire als z.B. ein Fußballspieler.
Ein Grundlagenrepertoire, man spricht auch von einer motorischen Grundausbildung, ist bei allen Menschen ähnlich. Die Motorik oder Bewegung lässt sich durch Training zu jedem Zeitpunkt beeinflussen. Von ausschlaggebender Bedeutung sind dabei die Umgebungseinflüsse und Bewegungsbedingungen. Die Art der Ausführung einer Bewegung ist auch häufig von der Umgebung, in der sie stattfindet, abhängig. Die Raumtemperatur, Windstille oder hohe Windgeschwindigkeit, ebener oder unebener Untergrund und psychische Faktoren beeinflussen sowohl das Erlernen einer Bewegung wie auch das Gelingen gewohnter Bewegungen. Wenn die Motorik, wie dies bei Morbus Parkinsonerkrankten der Fall ist, gestört ist, kommt dem Lernen eine erhebliche Bedeutung zu, umso mehr als diese Lernprozesse nicht direkt durch die Krankheit gestört sind.
Motorik wird als ganzheitliches Handeln, das zusätzlich Wahrnehmen und Erleben beinhaltet, verstanden.
In vielen Sportarten kommt der Fähigkeit zur Variation motorischen Handelns eine große Bedeutung zu. Diese Handlungsfähigkeit wird häufig mit taktischem Spielvermögen gleichgesetzt. Man sagt auch, ein Spieler kann auf vielen Positionen eingesetzt werden. Er ist eine Spielerpersönlichkeit. Dies bedeutet nichts anderes, als dass er über ein ausreichendes Bewegungs- oder Erfahrungsrepertoire verfügt, aus dem er je nach Situation auswählen kann. Im Profisport sind dies oft die am besten bezahlten Spieler, die häufig älter als 30 Jahre alt sind und schon viele Jahre diesen Sport betreiben.
Auf den Alltag übertragen bedeutet dies, je älter wir werden, desto mehr Bewegungserfahrungen haben wir gesammelt. Wichtig ist nicht, zum Beispiel die Motorik des Gehens zu perfektionieren, sondern unter möglichst vielen verschiedenen Bewegungssituationen ein entsprechendes Gehmuster auswählen zu können. Ein junger Mensch kann Fehler durch Kraft oder Beweglichkeit ausgleichen, ein älterer Mensch muss dies durch Erfahrung tun. Ein Kleinkind fällt sehr oft, bis es laufen gelernt hat. Es wird sich aber nur selten ernsthaft verletzen, weil es über die notwendigen körperlichen Merkmale, wie geringes Gewicht und hohe Beweglichkeit verfügt. Für einen älteren Menschen ist das Verletzungsrisiko ungleich höher. Er wird aus Erfahrung Situationen vermeiden, die zu erhöhter Sturzgefahr führen.
Für die Sportpraxis bedeutet dies, dass ganzheitlich und situationsgerecht geübt und trainiert werden muss. Nicht mehr die Einzelbewegung steht im Vordergrund, sondern die Spiel- oder Handlungssituation. Der Sportler übt im Training unter ständig wechselnden realistischen Situationen. Der Tennisspieler zum Beispiel wird den Ballcomputer so programmieren, dass die Bälle mit möglichst großer Variation zugespielt werden, ohne das vorher erkennbar ist, wohin oder wie der Ball gespielt wird. Der Fußballspieler wird aus verschiedenen Distanzen und Positionen mit wechselnden Anspielstationen den Freistoß üben, bis er auf jede Situation vorbereitet ist. Das Kleinkind übt alleine oder mit Mutter, Vater oder Großeltern usw. laufen auf den verschiedensten Untergründen, mit den verschiedensten Hilfsmitteln. Der Parkinsonpatient lernt, immer wieder neu zu laufen, indem er alltägliche Situationen und auch Gefahrenmomente nachspielt und so ein breites Erfahrungsspektrum schafft, auf das er im Notfall zurückgreifen kann.
Für die Sportpraxis bedeutete dies, dass alltägliche Situationen nachgestellt werden müssen. Es müssen Situationen geschaffen werden, die in möglichst vielen Variationen Bewegungsmuster beinhalten. Der Patient muss die notwendigen Parameter erlernen und anwenden lernen. Der Körper unterscheidet hier die Bewegungsmuster bzw. Parameter nicht danach, ob sie in der Turnhalle oder im konkreten Alltag erworben werden. Das unterstützte und beschützte Lernen in der Therapie schließt konkrete Unfallgefahren aus und ermöglicht darüber hinaus, ein kalkulierbares Risiko einzugehen, das ohne ernsthafte Konsequenzen bleibt. Der Lernerfolg lässt sich leicht auf den Alltag übertragen.
Wichtig ist, dass Sportler und Trainer, Patient und Therapeut die gleiche Sprache sprechen. Was bedeutet konkret z.B. „das Knie höher anheben“? Visuelle, taktile und auditive Hilfen oder Anweisungen müssen so beschaffen sein, dass sie für alle Beteiligten die gleiche Bedeutung haben.
Die Gehschule beinhaltet Gehen auf unterschiedlichen Untergründen zum Beispiel einer Weichbodenmatte, um moorigen Untergrund zu simulieren, den Bau einer Kastentreppe, eines Engpass durch Barren und Matten oder eines Slalom um Hütchen ... usw..
Start- und Stop Schwierigkeiten werden durch spielerische Imitation des Alltags in der Sporthalle nachgestellt. Das bedeutet die Reaktion auf visuelle, akustische und taktile Reize.
Das kann wie folgt aussehen: Akustische Reize - Bewegen zu Musik, Stehen bleiben, wenn die Musik anhält, erneut losgehen, wenn die Musik neu ansetzt.
Taktile Reize - Bewegungssteuerung durch leichte Berührung (Roboterspiel)
Visuelle Reize - Nachbau einer „Ampel“ durch Bälle, Zeigen von Tafeln oder Bildern
Mimik und Gestik können zum Beispiel durch Pantomime wie Berufe raten, Alltagsdarstellungen, Minischauspiel oder Sing- und Klatschspiele trainiert werden. Hier werden alltägliche Situationen nachgespielt wie z. B. sich durch einen Partner zu spiegeln.
Sprache und Atmung können durch Sing- und Klatschspiele wie die „Tante in Marokko“, kurze Gedichte oder Stille Post geschult werden.
Die Schulung der Gehmotorik umfasst zum Beispiel die Rhythmisierung von Bewegungen zu Musik oder das Gehen im Takt.
Die Schulung der Fein- und Feinstmotorik kann Sitztänze, Übungen mit Bällen, Gymnastiksticks (Doppelklöppeln) oder zum Beispiel Kochlöffeln beinhalten. Auch die pantomimische Darstellung von Alltagsübungen zum Beispiel Kartoffeln schälen ist geeignet.
Bei der Auswahl der Übungen kommt der Ganzheitlichkeit eine entscheidende Bedeutung zu. Der Mensch ist eben nicht nur Körper, sondern auch Seele. Er hat Empfindungen und Gefühle, die häufig durch die Krankheit nachhaltig beeinträchtigt werden.
Gerade der Behindertensport, der in Gruppen durchgeführt wird, hat hier einen sehr hohen Stellenwert. Wenn man Freude am eigenen Tun hat, über eigene und Fehler anderer lachen kann und dabei noch fröhlich ist, ist dies ein entscheidender Therapieerfolg.
Der Transfer (Übertrag) auf den Alltag erfolgt meistens von ganz alleine.











